Selbsterkenntnis in der Praxis
Echte Selbsterkenntnis folgt keinem Konzept und keiner vorgeprägten Weltanschauung — ganz im Gegenteil: Es sind gerade solche vorgefertigten und im Laufe des Lebens verinnerlichten Konzepte und Konditionierungen, die Selbsterkenntnis verhindern. Deshalb vertritt die Schule auch keine "Lehre", zumindest keine Lehre im herkömmlichen Sinn, sondern es geht darum, die spontane Wahrheit der nüchternen Tatsachen ohne Brille, ohne zwischengeschaltetes Werten und Interpretieren des Verstandes zu erkennen.
Um sich selbst zu sehen und zu erkennen, ist aber Praxis notwendig, ja unumgänglich. Es reicht nicht, sich ein paar grundsätzliche Einsichten klarzumachen oder irgendeine Philosophie, Religion, Ideologie oder sonstige Denkweise anzunehmen bzw. für "zutreffend" zu halten.
Deshalb ist ein gemeinsamer Austausch unbedingt erforderlich. In diesem Austausch ergeben sich ganz neue Aufschlüsse. Nur wer sich dem öffnet, was andere wahrnehmen, kommt aus der Kapsel seines verfestigten Selbstbildes heraus. Wobei natürlich der erste Schock darin besteht, akzeptieren zu müssen, daß man überhaupt in einer derartigen Kaspel sitzt. Und wer diesen Schock annehmen kann, ohne in Verdrängung, Lügen und Ausflüchte ausweichen zu müssen, wird erst bereit, sich menschlich wirklich zu öffnen und dem Leben, dem von ihm nicht kontrollierbaren, nicht manipulierbaren Leben, eine Chance zu geben, auf ihn einzuwirken.
So schlimm das auch in den Ohren der meisten Menschen klingen mag, aber: Es ist immer nur eine Handvoll von Menschen, also eine Art von Elite, die das wagt. Und diese Art Menschen kann mit den im herkömmlichen gesellschaftlichen Leben geläufigen Klischees und Standardantworten nicht mehr gesättigt und befriedigt werden.
Zwar mögen diese Menschen auch aus Büchern oder sporadischen Kontakten einige Anstöße ziehen, auf Dauer müssen sie sich jedoch — wenn sie wirklich ernsthaft sind und sich ihrem tieferen Gewissen verpflichtet fühlen — dann auch ernsthaft fragen, ob sie nicht den Schritt in die echte Konsequenz ihrer Ahnungen und Bestrebungen zu tun haben.
Dieser Schritt — und es ist der wichtigste Schritt überhaupt im Leben eines Menschen —: er führt immer in eine Schule und zu einem Lehrer des Vertrauens. Der Schule und dem Lehrer zu begegnen bedeutet, sich selbst auf einer ganz anderen Ebene wiederzubegegnen. Und nur darum geht es, nicht darum, vordergründiges Unbehagen, Kontaktarmut, Lebensuntüchtigkeit oder intellektuelle Ambitionen zu beschwichtigen oder zu betäuben.
Umsonst passiert so etwas nie. Wer den Schritt tut, bekommt etwas Neues, aber er muß auch etwas geben. Er muß sich einbringen. Wer Altes nicht loslassen kann, wird auch nichts Neues erhalten können.
Zugleich findet Lernen auf vielen unterschiedlichen Ebenen und in vielen bereits als bekannt und gewohnt behandelten Lebensbereichen statt. Der Alltag hat nun eine neue Bedeutung, einen ganz neuen Hintergrund. Die Frage nach dem Lebenssinn stellt sich nicht mehr, denn sie ist dabei, sich zu beantworten und zu erfüllen.
So, wie sich Alltagsmenschen in Alltagsbeschäftigungen zu verwirklichen suchen, wird sich der, der einer echten inneren Schule angehört, in seiner Selbsterkenntnis verwirklichen — indem er sie zu seinem Hauptberuf macht. Die Erfahrungen, die er hier sammelt, kann er nirgendwo sonst machen — denn nirgendwo sonst gibt es diesen Hintergrund, diesen Kontext. Auf einmal sind alle Alltagsbeschäftigungen, alle Begegnungen mit anderen, ja überhaupt alle Erlebnisse des Tages etwas ganz Neues, bis zum Rand angefüllt mit neuer Bedeutung.
Und sie können mit den anderen Teilnehmern einer derartigen Unternehmung geteilt werden. Es wird ein Verständnis gefunden, das einmalig ist.
Exzellenz ist dabei nichts anderes als die Umsetzung der inneren Einsicht in äußeres Handeln und Wirken. Ein Mensch, der zu erfahren beginnt, welchen tieferen Grund und Sinn sein Dasein hat, wird sich nicht mehr gedankenlos verhalten und mit überflüssigen oder verwirrenden Dingen und Situationen belasten. Er wird das Umfeld seines täglichen Lebens klären und aufwerten.
Auch hierzu bietet die Schule hilfreiche Anregungen — Anregungen, die weit über die Einflüsse des herkömmlichen Kulturlebens oder irgendeines vordergründig-modischen "Lifestyles" hinausgehen.
Denn es reicht nicht, nur im eigenen Innern zu wissen, was wichtig ist — solch ein Wissen erfüllt sich erst, wenn es aktiv gelebt und großherzig ausgeteilt wird.
«···
Copyright © 2009 PHÖNIX